Zwei Jahre im fernen Nahen Osten

Letzten Sonntag waren es genau zwei Jahre – so lange leben und arbeiten wir nun schon in Jerusalem.

Zeit für eine kleine Zwischenbilanz.

In Zahlen ausgedrückt sieht diese, mit dem Schwerpunkt auf den „deutsch-israelischen“ Beziehungen, ungefähr so aus:

Zwei Jahre, in denen ich insgesamt elf Mal die Strecke zwischen Tel Aviv und Berlin hin- und auch wieder zurückgeflogen bin: um sechs verschiedene Tagungen vor Ort zu organisieren, unsere Familie und Freunde zu sehen und um Urlaub zu machen.

Auf unser Flugkonto in dieser Zeit kommt auch noch ein Urlaubsflug nach Zypern im Juli letzten Jahres hinzu.

Auf fünf dieser Flüge war auch Carsten mit an Bord und bei vier Flügen war Toni in ihrer Hundekiste im Frachtraum mit dabei; damit kommt sie bis heute auf fast 30.000 Hunde-Flugkilometer.

In diesen beiden Jahren haben uns hier in unserem Zuhause in Jerusalem 49 unterschiedliche liebe Freunde und Familienmitglieder aus Deutschland besucht; einige schon zweimal, andere sogar bereits dreimal J.

Unsere Gästebetten waren an 33 Wochen bisher belegt.

Es werden noch viele Besuche kommen jetzt in den letzten voraussichtlich 12 Monaten – einige zum zweiten, dritten oder sogar vierten Mal und mindestens zehn Personen zum ersten Mal. Für 16 Wochen ist unser kleines Gästezimmer bereits ausgebucht.

Und es werden auch einige Flüge nach Berlin im letzten unserer drei Jahre hier in Israel dazukommen.

An dieser Stelle ein ganz dickes Dankeschön an unsere Kinder, unsere Familien und unsere lieben Freunde und Freundinnen – es ist toll, dass wir es geschafft haben, in den zwei Jahren einen so engen Kontakt zu Euch allen zu halten. Schön, dass es Euch alle für uns gibt!

Abseits der Zahlen gehört vielleicht auch dieses zu einem Zwischenfazit:

Über was ich mich immer noch riesig freuen oder einfach nur staunen kann – auch nach zwei Jahren:

  • Der Duft von Rosmarin und Lavendel an fast jeder Ecke und jedem Weg
  • Die schier unglaubliche Blütenpracht und jetzt gerade wieder die tollen Granatäpfel, Kakteenfrüchte und Feigen, die ich morgens im Park pflücken kann
  • Die Sonne und der blaue Himmel über soooooo viele Monate im Jahr; aber auch der erste Regen zu Beginn des Winters
  • Das Gewusel der Menschen und das Treiben der Händler in den Altstädten und Märkten von Jerusalem, Ramallah, Bethlehem oder Nablus
  • Das unglaublich aromatische und leckere Obst und Gemüse; wir haben noch nie so viele Tomaten wie hier gegessen
  • Die Freundlichkeit, mit der uns die meisten Menschen hier begegnen
  • Der sehr lässig wirkende Lebensstil der jüdischen Israelis, bis hin zur Kleidung im Theater oder auf Empfängen – inklusive der obligatorischen Turnschuhe
  • Die für unsere Verhältnisse wirklich kinderreichen ultraorthodoxen Familien; fünf oder sechs Kinder neben der schwangeren Mutter sind keine Seltenheit im Jerusalemer Straßenbild
  • Die Gastfreundschaft der Palästinenser, aber auch die Offenheit und Unvoreingenommenheit der Juden uns (Deutschen) gegenüber
  • Das unbeschwert wirkende Strandleben in Tel Aviv
  • Das Abendlicht über der Wüste und den Städten
  • Die Dichte und Intensität der Religionen, besonders hier in Jerusalem; so viele gläubige Juden, Muslime und Christen auf so engem Raum
  • Die Shabbatsirene am Freitagnachmittag
  • Das Schwebegefühl im Toten Meer und die Anmut der Wüstenberge
  • Das Mittelmeer so schnell erreichbar für mich J

An was ich mich erstaunlicherweise inzwischen gewöhnt habe:

  • Das permanente Hupen der ungeduldigen Autofahrer
  • Den Anblick des vielen Plastikmülls auf den Straßen – besonders in den arabischen Stadtteilen und Gebieten
  • Die Anwesenheit des Militärs und vor allem der zahlreichen Maschinengewehre im täglichen Alltag
  • Die lauten und nervigen Sirenen der Krankenwagen und Polizeifahrzeuge mehrmals an jedem Tag
  • das völlige Fehlen von Struktur und Effektivität vor allem an den Supermarktkassen
  • die Hitze und den trockenen Staub – auch immer wieder in der Wohnung
  • das häufige Kontrolliert-Werden und Passieren von Sicherheitsschleusen im Alltag

An was ich mich immer noch ganz schwer oder gar nicht gewöhnen kann bzw. was ich nicht begreife:

  • Die Unfähigkeit, Frieden in dieser Region zu schaffen
  • Die Siedlungen und weiteren Siedlungsbemühungen der nationalreligiösen Juden im Westjordanland
  • Der Hass bei einigen Menschen einerseits und die scheinbare Gleichgültigkeit anderer Menschen gegenüber der politischen Situation andererseits
  • Die Terrorattacken und die Zahl der Toten und Verletzten
  • Die Mauer und die Checkpoints
  • Die Ungleichbehandlung der Palästinenser in einigen Teilen des Lebens
  • Das völlige Nebeneinander von muslimischem und jüdischem Leben oder auch das fehlende Miteinander
  • Die immer noch fehlende Anerkennung des Staates Israel durch die meisten Staaten in der Region
  • Die immer unwahrscheinlicher werdende Zwei-Staaten-Lösung oder einer anderen demokratischen Vision von einem friedlichen Leben

Ich habe bestimmt vieles vergessen zu erwähnen. Aber ich will ja auch in den nächsten zwölf Monaten noch ab und zu hier an dieser Stelle etwas schreiben – dann wird es bestimmt noch erwähnt.

Und als Ausblick auf einen der nächsten Berichte: Carsten will dann beschreiben, wie sich seine Sicht auf dieses Land und diese Region durch uns Leben hier verändert hat. Und ein paar schöne Fotos von den  Perseiden-Sternschnuppen der letzten Nacht gibt es dann auch.

Nur noch das: weil wir so gerne hier sind und die Zeit auf gar keinen Fall missen möchten, haben wir unser kleines Zwei-Jahres-Jubiläum mit einem Wochenendausflug zum See Genezareth „begangen“. Wieder haben wir viel Neues entdeckt und deshalb möchte ich euch als Abschluss der kleinen Zwischenbilanz Carstens Bilder vom Ausflug nicht vorenthalten. Viel Spaß damit und bis zum nächsten Mal,

shalom, salam und tschö, Heike und Carsten

 

 

2 Gedanken zu „Zwei Jahre im fernen Nahen Osten“

  1. Vielen Dank Ihr Beiden für Eure Eindrücke. Den Abschnitt „An was ich mich immer noch ganz schwer oder gar nicht gewöhnen kann bzw. was ich nicht begreife:“ kann ich nur unterstreichen. Einiges davon lässt sich leider zunehmend auch bei uns in D beobachten.

    Weiterhin eine aufregende und hoffentlich halbwegs friedliche Zeit wünscht Euch Christian + Familie.

  2. Wie immer, ist auch dieser Bericht sehr interessant. Der dritte Punkt deiner Bilanz, „woran du dich nicht gewöhnen kannst“ kann ich nachvollziehen. Für mich war das beeindruckendeste in den zwei Jahren, nicht ein Bericht, sondern ein Bild, was du gesendet hast. Welches?, das junge, gerade getraute Ehepaar im Park, er mit einem Maschinengewehr auf seinen Schoss. Kann man sonst wo auf der Welt, so ein Bild „schießen“? Ich freue mich auf den nächsten Bericht.

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